I Got You Babe

- oder wie das Radio am Beispiel von hr3 mich in den Wahnsinn treibt

 
 

Formatradio im öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Datum der letzten Aktualisierung war am 26.08.2016 21:55 Uhr
 
Vorwort

Gerade noch vernimmt man das verdächtige Klicken des Radioweckers. Doch da ist es schon zu spät. Notorisch gutgelaunte Moderatoren kündigen den nächsten Song an. Obwohl sich das Gehirn noch im Halbschlaf befindet, fragt man sich, ob sie das Band von gestern wieder aufgelegt haben. Die Situation, die so klingt wie eine Szene aus dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“, zeigt die harte Realität in der heutigen, durchformatierten Radiolandschaft.

Doch was ist Formatradio?

Es gibt zahlreiche mehr oder weniger treffende Beschreibungen, die die Intentionen des Formatradios wiedergeben. Die wohl umfassendste Definition stammt von Prof. Dr. Klaus Goldhammer, Inhaber des Medienunternehmens GoldMedia:

„Ein Formatradioprogramm verfolgt das Ziel, im Hörfunkmarkt auf der Grundlage von Marktforschungsinformationen und einer daraus entwickelten Marketingstrategie ein unverwechselbares Radioprogramm als Markenprodukt zu etablieren, das genau auf die Bedürfnisse einer klar definierten Zielgruppe abgestimmt ist.“ [1]

Das Radioprogramm wird zum Produkt. Musikauswahl, Moderatoren, Sound, Informationen, Nachrichten und Gewinnspiele sollen ein homogenes, durchhörbares, wiedererkennbares Gesamtbild ergeben.

Formatradio schmeckt wie eine Tütensuppe: „immer gleich“

Doch genau in diesem Produktansatz liegt das Problem. Man stelle sich vor, man kauft sich eine Tütensuppe, die auf dem Markt neu eingeführt wurde. Am Anfang schmeckt sie hervorragend. Sofort geht man in den Supermarkt und kauft sich weitere Packungen. Doch spätestens nach dem Essen der dritten, vierten Suppe stellt man fest, dass da eine gewisse Würze fehlt.

Es gibt anschließend zwei Möglichkeiten: Man besorgt sich entweder eine andere Tütensuppe oder versucht die „Lieblingssuppe“ mit diversen Zutaten zu verfeinern. Beide Strategien sind zum Scheitern verurteilt. Die andere Tütensuppe offenbart nach dem zweiten Mal Essen auch keine Überraschung mehr, und selbst nach dem Verfeinern der Suppe schmeckt man lediglich die aufdringlichen Essenzen des Produkts durch. Natürlich ist es nicht möglich, ein Radioprogramm so zu verfeinern wie eine Suppe. Aber immerhin ist der Hörerwunsch nach wie vor des Senders liebstes Kind. Doch was hier von Seiten des Senders getan wird, um sein homogenes, wiedererkennbares Produkt zu schützen, ist frustrierend: Wählt der Hörer eine Geschmacksrichtung, die nicht auf dem Rezept des Senders steht, so wird ihm aus dem bunten Sammelsurium der üblichen Verdächtigen ein Titel vorgeschlagen. So zum Beispiel geschehen 2004 in SWR3-Land: Über meinen Wunschtitel „Hungerstrike“ von „Temple of the Dog“ ging der Moderator glatt hinweg und bot stattdessen „Joyride“ von „Roxette“ an, ohne sich auch nur die Mühe zu machen, zu begründen, warum er meinen Wunsch ausschlug. Hartnäckige Versuche, den Moderator mit einer Liste musikalischer Perlen aus 60 Jahren Musikgeschichte zum Spielen eines anderen Songs zu bewegen, verpuffen wirkungslos, und unbarmherzig trällerte anschließend „Roxette“ von ihrer Vergnügungsfahrt, die wirklich nun keine Freude mehr bereitet.

Wir bezahlen doch fürs Einschalten

Ein gutes Radioprogramm kostet viel Geld. Ein privater Sender benötigt, je nach Struktur und Größe, 2-3 Jahre, bis er „Schwarze Zahlen“ schreiben kann. Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern steht aber die Finanzierung hauptsächlich auf der Säule der Gebühreneinnahmen: „Die Leistungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks werden in Deutschland zu über 90 Prozent aus Rundfunkgebühren finanziert.“[3]. Der Rundfunkgebührenstaatsvertrag bildet die rechtliche Grundlage des Gebühreneinzugs. Die Anstalten verpflichten sich im Gegenzug, unabhängig von Politik und Wirtschaft ein vielfältiges und umfassendes Programm anzubieten. Da die Sendeanstalten bereits über Archive verfügen, müssen sie keine hohen Investitionen tätigen, um ein abwechslungsreiches Musikprogramm bieten zu können. Der SWR hat z.B. einen Bestand von 40 Jahren Musik am Stück. Was wir aber vom öffentlich-rechtlichen Radio seit Jahren täglich zu hören bekommen, ist nur ein Bruchteil seiner Möglichkeiten und widerspricht den im Rundfunkgebührenstaatsvertrag verankerten Grundsätzen. Im Zuge der Etablierung des Formatradios wird das elementare Recht des Hörers auf ein abwechslungsreiches Kultur-Programm ausgehöhlt. Was bleibt, sind nette Formulierungen auf den Webseiten der Sender: „… Der SWR garantiert dadurch sein außergewöhnlich gutes Programm, und die Hörer und Zuschauer können sich darauf verlassen, dass sie auch in Zukunft mit einem vielfältigen, unabhängigen und hochwertigen Radio- und Fernsehangebot versorgt werden. …"[2].

Sicherlich ist es von Seiten der Radiomacher nicht möglich, es jedem Hörer recht zu machen. Auch kann der subjektive Eindruck täuschen. Bis heute gibt es leider kein allgemeines Bewertungssystem, das beschreibt, wie abwechslungsreich die Musikauswahl ist. Jeder spürt die Veränderung in der Radiolandschaft: Gewinnspiele, Jingles, die gebetsmühlenartig vom „Besten aus Pop und Rock“ predigen, notorisch gutgelaunte Moderatoren, phantasielose Musikauswahl … Um den alltäglichen Wiederholungswahn im öffentlich-rechtlichen Rundfunk besser veranschaulichen zu können, wollte ich das Thema Formatradio auf eine andere Art und Weise - anhand von Zahlen und Fakten - aufarbeiten. Anhand der Online-Musikrecherche eines öffentlich-rechtlichen Senders und mit Hilfe einer selbstprogrammierten Software konnte ich die Playliste des Tagesprogramms der letzten 30 Monate erfassen und unterschiedliche Statistiken zur Bewertung der Musikauswahl erstellen. Ich habe diese Statistiken hier veröffentlicht und möchte die Hörer für das Thema des medienkulturellen Kahlschlags mittels Formatradio sensibilisieren. Schließlich bezahlen wir alle Radiogebühren und haben ein Recht auf ein abwechslungsreiches, informatives und innovatives Radioprogramm.

[1] „Formatradio in Deutschland“ von Prof. Dr. Klaus Goldhammer erschienen 1995 im Wissenschaftsverlag Volker Spiess GmbH, Berlin. ISBN 3-89166-076-6

[2] http://www.swr.de/unternehmen/auftrag/-/id=3536/nid=3536/did=219180/mpdid=285046/1oxw1yq/index.html

[3] http://www.swr.de/blog/1000antworten/antwort/7841/warum-ist-trotz-der-gebuehren-der-oeffentlich-rechtliche-rundfunk-nicht-werbefrei/